Die Situation ist uns allen bekannt:
Man hört irgendwo ein sogenanntes "geflügeltes Wort", es gefällt uns und wir möchten es nun möglichst
geistreich weiterverwenden.
Geistreich wird es aber erst dann, wenn man den Urtext, also die Entstehung dieses nunmehr
möglicherweise schon Jahrhunderte alten "geflügelten Wortes" richtig interpretieren kann.

Hier ein Beispiel:
Nehmen wir einmal den folgenden Ausspruch: "Abschaum der Menschheit" Martin Luther 1483 bis I546

Der Reformator Martin Luther hat diesen Begriff nicht erfunden. Dieser Gebrauch war im Spätmittelalter
durchaus üblich. Doch durch den Umstand, dass er ihn in seiner Bibelübersetzung verwendet hat, ist er über
die Jahrhunderte mehr und mehr zur gebräuchlichen Redensart geworden. Luther ließ den Apostel Paulus im
ersten Brief an die Korinther klagen: "Wir sind geworden wie der Abschaum der Menschheit, jedermanns
Kehricht."
Er hat damit zum Ausdruck gebracht, das man diese Gruppe von Menschen zu der er gehörte, dazu gemacht
hat.
In diesem Licht betrachtet, verliert die Formulierung "Abschaum der Menschheit" durchaus einen großen Teil
seiner allgemeinen entwürdigenden Darstellung von Menschen, die nicht in einen bestimmten Kontext
passen, denn sie wurden dazu gemacht weil sie einer bestimmten Menschengruppe zugeordnet wurden, die
nicht in das Weltbild einiger der damaligen, oder auch heutigen, Zeitgenossen passten oder passen.

Ein weiteres Beispiel soll nun folgen:
Abwechslung macht Freude  Euripides "Variatio delectat" um 485 bis 406 v. Chr.
Griechische Dramendichter waren oft der verfluchten Familie der Tantaliden zugetan, warum weiß keiner, in
der über mehrere Generationen Mord und Totschlag herrschte.
Der Titelheld Orestes, aus Euripides' Drama Orestes - und seine Schwester Elektra brachten gemeinsam ihre
Mutter um,  - warum? - weil diese zuvor den Vater ermordet hatte.
Zur Strafe, wie sollte es auch anders sein, wird Orestes von den Rachegöttinnen, den Erynnien gejagt,
bestimmt keine schöne Nummer wenn man drinsteckt.
Elektra nun, kümmert sich um den gepeinigten Bruder und gibt der Hoffnung Ausdruck, dass Abwechslung
sein Leiden etwas lindern möge. Sie hätte also gerne etwas Abwechslung in sein tristes Leben gebracht, denn
es war durchaus eine peinvolle Situation in der sich Orestes befand und die liebevolle Zuneigung Elektras
sollte für eine kurzweilige Aufhellung in seiner desolaten Gemütslage sorgen.
Freiweg würde man sagen: "Trotz allem, ein bischen Spaß an der Freud".
Aber "Spaß an der Freud" vor diesem mörderischen Hintergrund?
Das lateinische "variatio delectat", also "Abwechlung macht Freude", wurde später in Rom zum geflügelten
Wort.


Eine weitere fatale Aussage ist nun die Folgende:
Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. George Mason 1725 bis I795
"Alle Macht ruht im Volke und leitet sich folglich von ihm her; die Beamten sind nur seine Bevollmächtigten
und Diener und ihm jederzeit verantwortlich", schrieb der amerikanische Politiker George Mason im Jahr 1776
in der Virginia Declaration of Rights, einer der ersten Erklärungen menschlicher Grundrechte.
Ja, das wäre schön und wohl auch von jedermann gewünscht, aber jetzt passen Sie einmal auf, was man mit
Worten und Menschen so alles machen kann, wenn man es nur richtig angeht!
Im deutschen Grundgesetz findet sich dieser Rechtsgrundsatz in Artikel 20, Absatz 2 ebenfalls. Allerdings und
das ist der Haken, darf das Volk mit wenigen Ausnahmen wie Bürgerentscheiden, diese Macht nur indirekt
ausüben, indem es die Bundestagsabgeordneten als seine Repräsentanten und Vertreter wählt - aha, das ist ja
elegant. Ist das nicht toll? und so einfach! Plötzlich haben die Leutchen nichts mehr zu melden - und warum
auch? - die haben sowieso keine Ahnung!
Und so sehen wir den im übertragenen Sinn, geschlachteten Hasen bereits im Pfeffer liegen, denn bei dieser
Wahl hat das arme Häschen seine eigenen Rechte schon aus der Hand gegeben, es hat die Wölfe zu seinen
Repräsentanten gemacht in der fatalen Hoffnung darauf, dass, wenn ein Wolf über sein gerissenes Schaf, oder
seinen Hasen, zu seinem Aufseher gemacht wird und darauf blind vertraut, das ihm im Suppentopf seines
selbstgewählten Peinigers nichts außergewöhnlich "Schlimmes" geschieht, dann wird ihm auch nichts
Schlimmes geschehen. - Basta!
Es gibt dutzende von Fabeln in denen gerade dieses Erhoffte nicht eintrifft, sondern der Logik folgend, eher
der Hase oder das Schaf die gelackmeierten sind und für ihre Wahl den höchsten Preis zu zahlen haben, den
man sich vorstellen kann.
Die totale Unterdrückung. Wohl kein so guter Ausgang für das "Stimmvieh".
Bei Tieren hat man ja durchaus noch Mitleid mit den armen Viechern, aber warum sehen so wenige
intelligente Menschen die Parallelen nicht ein?

Die Möglichkeiten die uns das Erlernen von falschen Richtlinien bietet ist schier endlos, so endlos wie die
Bände der Zitatensammlungen die sich uns in den Blickbereich stellen, deren Inhalte aber selten so gemeint
sind wie es den ersten Anschein hat.

Hier eine weitere Möglichkeit zum besseren Verständnis:
Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen!
Edward Aloysius Murphy 1918 bis 1990. Bekannt als Murphy's Gesetz
So lautet die Hauptregel von "Murphy's Law". Doch der Namensgeber, der US-amerikanische
Luftfahrtingenieur Edward Aloysius Murphy, hat das nie so gesagt.
Er sprach lediglich mit dem folgenden Satz eine Warnung aus wenn es sich um Neukonstruktionen handelte,
es sagte das Folgende: "Wenn es mehr als eine Möglichkeit gibt, eine Sache zu erledigen, und eine endet in
einem Desaster, dann findet sich jemand, der diesen Weg einschlägt."
Der Satz hatte also nichts von dem Galgenhumor und Fatalismus, der heute oft mit Murphy's Law" verbunden
wird.
Angeblich war es der Testpilot John Stapp (19IO-99), der später auf einer Pressekonferenz die hohen
Sicherheitsstandards seiner Firma mit dem Spruch erklärte, man habe sich immer an "Murphy's Law"
gehalten. Nämlich daran wie der Ausspruch ursprünglich gemeint war und zwar im Sinn dessen das sich
jemand findet, der einen als falsch beschriebenen Weg einschlägt und damit scheitert.
Die Sache verselbstständigte sich dann und viele, die "Murphy's Law" munter weiterspannen, wussten
überhaupt nicht, dass es "Murphy" tatsächlich gegeben hatte.
Gelegentlich wird auch die Behauptung, Butterbrote würden meist auf die gebutterte Seite fallen, als
"Murphy's Law" zitiert. Sie ist aber schon viel älter.
Der deutsche Dichter Ludwig Börne (1786-1837) behauptete einmal, Minister wären wie Butterbrote und
fielen gewöhnlich auf die gute Seite, als so, dass ihnen nichts Gravierendes geschieht.
Aber auch er soll nur ein jiddisches Sprichwort herangezogen haben, dass Butterbrote für gewöhnlich aufs
Gesicht fielen und zwar in dem Sinn, das sie keinerlei Schaden nehmen.

Und nun geht es ein wenig lyrisch weiter:
Andere Städtchen, andere Mädchen.    Albert Graf von Schlippenbach 1800 bis I886
Das bedeutet normalerweise, einen Abschied kleinzureden, in dem Vertrauen, auch am nächsten Wohnort
wieder eine Freundin zu finden.
Der preußische Jurist und Hobbydichter Albert von Schlippenbach hat es in seinem Gedicht Nun leb wohl, du
kleine Gasse jedoch ganz anders gemeint.
Für ihn ist es ein Mangel anderer Städte, dass dort nicht seine Geliebte wohnt.
                            "Andre Städtchen kommen freilich, andre Mädchen zu Gesicht:
                             Ach, wohl sind es andre Mädchen, doch die eine ist es nicht.
                             Andre Städtchen, andre Mädchen, ich da mitten drin so stumm.
                             Andre Mädchen, andre Städtchen: 0 wie gerne kehrt' ich um."
Das ist ja wohl eine 100%ige Kehrtwende vom allgemeinen Verständnis, in dem es nur darauf ankommt ein
"neues Mädchen", oder besser gesagt einen anderen Partner auf Zeit zu finden.

Und zum Schluss noch etwas Besonderes:
Arbeit schändet nicht. Hesiod  8. Jh. v. Chr.
Neben seinem Hauptwerk, der Theogonie, also der Götterlehre,  verfasste der griechische Dichter Hesiod auch
ein großes Lehrgedicht namens Werke und Tage.
Darin schrieb er "Arbeit schändet nicht, die Trägheit aber entehrt uns".
Einige seiner Landsleute waren da ganz anderer Auffassung. Die Oberschicht Athens sah später Arbeit
durchaus als Schande an.
Die Philosophen Platon und Aristoteles sprachen Handwerkern und Tagelöhnern sogar die menschliche
Vollkommenheit ab, und in Sparta war es Männern strikt verboten zu arbeiten.
Selbst die Verwaltung ihres Besitzes mussten sie ihren Frauen überlassen.
Diese Art der Aufgabenteilung wird wohl kaum auf Dauer jemanden zufrieden gestellt haben, außer den
Damen wahrscheinlich, denen niemand mehr in die "Suppe" gequatscht hat.
Aber das haben auch die griechischen Herren bald schmerzlich feststellen müssen.

So, bis hierhin war es das erst einmal.
Sollten Ihnen meine Ausführungen gefallen haben, so besuchen Sie bald einmal wieder meine Seite.
Von Zeit zu Zeit wird sie weitergeführt und ergänzt.

Ich freue mich auf Ihren Besuch.

Franz Grunewald
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